P1150756Was erwarten Sie, wenn Sie Weihnachten in die Kirche gehen?

Stille Nacht, den Tannenbaum, die Krippe?

Natürlich, das muss doch sein.

Was erwarten Sie sonst noch so von Weihnachten?

Familie, Essen, Trinken, Geschenke?

Natürlich, das gehört doch dazu!

Und was erwarten sie nebenher?

Friede auf Erden, Freude für alle Menschen, Verbesserung der Zustände in der Welt?

Natürlich, das wünschen wir uns doch alle!

Und wer soll alle Ihre Erwartungen erfüllen?

In der Kirche, natürlich, der Pastor, die Atmosphäre, die festliche Orgel, dass das Gefühl von Weihnachten aufsteigen kann!

Zuhause: die Familie, in der sich jeder benehmen muss, wie´s sich zu Weihnachten gehört, dass man lange zusammensitzen kann!

In der Welt: die Politiker, die Kriegsparteien, die Flüchtlingsschlepper, alle, die gegen Gewalt handeln könnten, dass jeder in seiner Heimat das Glück finden kann!

Und für alles: Der liebe Gott, der allmächtig ist, den Frieden will und versprochen hat, ihn auch zu geben, dass jedes Seiner Geschöpfe sein Leben leben kann!

Und wenn ich das gerade so formuliere, merk ich, vielleicht Sie auch,

wie weit weg wir von all dem sind,

wie wenig davon durch die Menschen umgesetzt wird, von denen ich das eigentlich erwarte,

wie schwachsinnig diese Erwartungen eigentlich sind:

Wie soll der Pastor hier in der Kirche eine Weihnachtsatmosphäre zaubern, wenn ich selbst nicht bereit bin mitzumachen, zu beten oder gar zu singen, also mit meinen Kräften dazu beitrage, dass ich mit dem Weihnachtsgefühl nach Hause gehe, das ich so dringend brauche?

Wie sollen zuhause alle zusammensitzen und das Essen aushalten, wenn wir das in unsere Familie gar nicht mehr gewohnt sind, gemeinsam zu essen oder gar miteinander zu reden, weil ich das in unserem Alltag nie stattfinden lasse, wir also den Streit vorausplanen, der daraus entsteht, dass jeder so seine Vorstellung von einer irgendwie geartete Weihnacht hat.

Wie soll in dieser Welt irgendein Politiker irgendetwas besser machen, wenn ich es selbst vor meiner Haustüre nicht schaffe, Frieden zu wahren, indem ich Gesprächs-bereitschaft nicht nur vorheuchle, sondern praktiziere und sei es auch noch so schwer – nicht im Internet, sondern ganz real mit dem Nachbarn, dem Arbeits-kollegen, dem Menschen, mit dem ich mich gerade nicht verstehen kann oder will.

Und wie soll erst recht unser Gott, der ach so liebe, Frieden und Freude auf Erden bewirken, wenn Er im Leben eines jeden Einzelnen gar nicht mehr vorkommt, wenn ich mit Ihm keinen Kontakt mehr pflege, weil´s ja nichts bringt, wenn ich Ihm jede Möglichkeit beraube, Frieden zu wirken, weil ich Ihm das eigentlich gar nicht mehr zutrauen, Ihm nicht mehr glaube und so das nicht zulassen, dass Er wirken kann.

Und wie komme ich denn eigentlich auf das schmale Brett, dass alle anderen dafür sorgen müssen,

dass meine Erwartungen erfüllt werden, nur ich selber nicht?

Denn vom Gegenteil meiner Erwartungen spricht das heutige Fest.

Von einer ganz anderen Wirklichkeit als die meiner Wunschlistenerwartung berichtet die Weihnacht:

Gott in Seiner Allmacht wird ein Mensch!

Gott in Seiner uferlosen Größe macht Sich klein.
Gott in Seiner Unendlichkeit kommt in die Zeit

Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Und das nicht nur vor zweitausend Jahren.

Und das nicht in dem, was wir als damals und vergangen bezeichnen:

Heute, hier und jetzt ist dieser Gott Mensch.

Heute, in dieser Stunde wird Er Mensch in Dir.

Heute, in dieser Minute lebt Er in mir.

…. um mit mir die Wirklichkeit um mich herum anzunehmen und mich nicht in meinem irrealen Wunschdenken unterzugehen zu lassen,

…. um durch mich zu wirken in dieser Welt und nicht nur rat- und tatenlos resignierend die Schlechtigkeit der andere zu bejammern,

…. um mit meinen Kräften und Möglichkeiten, und seien sie noch so klein, die Welt besser zu machen – angefangen bei mir selbst.

Und damit meine ich nicht Idylle, Kitsch mit Engeln oder Unerfüllbares:

Hätte Gott das alles gewollt, wäre Er in Seinem Himmel geblieben.

Ich meine damit, dass Gott von das von mir will, was ich selber von anderen einfordere: Ganz einfach!

Und ich glaube daran, dass Gott mir all das erfüllt, was ich selber mir erfüllen kann: Ganz realistisch und nicht mehr!

Und ich weiß, dass Gott mir all das gibt, was ich zum menschlichen Leben brauche: Seine Liebe, die in mir und durch mich Mensch wird!

Und in dieser Liebe, nämlich der Zusage Gottes, dass Er ich auf all meinen Wegen hält,

schenkt er mir auch den Mut, wirklichkeitsnah zu leben und nicht in Wolkenkuckucksheim mit all meinen Wünschen, Phantasien und irrealem Blödsinn.

Er schenkt mir in Seiner Liebe, die Kraft, all die Erwartungen, die ich an andere habe, selber zuerst bei mir selbst umzusetzen, und nicht mehr daran zu ersticken oder mich aufregen zu müssen, das alle Menschen dem nicht entsprechen, was ich von ihnen erhoffe.

Und Er schenkt mir durch die Mensch-werdung Seiner Liebe in mir auch die Erfüllung meiner Hoffnungen, die aber allein genährt wird durch einen nüchternen Blick auf diese Welt, und nicht mehr durch vage weihnachtliche Spinnereien von Krippenidylle, heiliger Familie und Frieden auf der Welt, die man mir eingepflanzt hat.

Gott hat in Seiner Menschwerdung die Realität dieser Welt auf Sich genommen mit allen Konsequenzen.

Gott ist in dieser Annahme der brutalen menschlichen Wirklichkeit den Menschenweg bis zum Ende gegangen.

Gott will in diesem Mensch-Jesus-Sein das Mensch-ICH-Sein in jedem von uns herauskitzeln, nicht aber die Welt idealisieren und auf´s idyllische Schönsein ausrichten,

sondern damit wir die Welt annehmen, wie sie ist, schmutzig, voller Hass, brutal,

dass wir sie akzeptieren, aber auch beeinflussen wie Er es getan hat und tut: im ganz Kleinen, aber Wirkungsvollen,

dass wir mit Seinem Geschenk, nämlich der in mir Mensch gewordenen Liebe der Welt unserer Kraft einsetzen und unsere ganz eigenen Erwartungen um- und einsetzen.

Also:

Was erwarten Sie…...

…., wenn Sie heute hierherkommen in die Kirche

und von Weihnachten

und nebenher?

Atmosphäre – dann singen Sie mal die Freude von Weihnachten so richtig raus wie unser Diakon.

Familie – dann nehmen Sie all Ihre Lieben an wie sie sind und überfordern sich und sie nicht mit einer vermeintlichen Idylle dieser Tagen.

Friede und Freude in der Welt – dann beginnen Sie doch bei sich und entdecken den Gott in sich, der Sie liebt und trägt und Der so – mit jedem von uns – die Welt wie Er mit kleinen Schritten verändert hat

und verändert

MIT DIR und DURCH DICH!

AMEN