kirchenaustrittLiebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

im vergangenen Jahr haben sich in unserem Bistum Münster elftausend Menschen von ihrer Kirche verabschiedet. Elftausend, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ihren Kirchenaustritt erklärt haben. Elftausend Katholiken, die nicht mehr bereit waren, der Gemeinschaft der Glaubenden anzugehören. Wie gesagt, aus unterschiedlichsten Gründen: Kirchensteuer, Finanzgebaren eines oder mehrerer Bischöfe und Bistümer, Mißbrauchsfälle oder auch ganz persönliche Verletzungen, die Vertreter der Kirche ihnen zugefügt haben – mich eingeschlossen.

Das tut uns sehr leid, uns, dem Bischof von Münster, und mir, dem Pastor von St. Martinus. Es macht nachdenklich. Derweil der Bischof unter anderem mit seinem Stab in einer Zufriedenheitsstudie Gründe für Kirchenaustritte sucht, denken wir Pastöre in den Zusammenkünften ebenfalls darüber nach, wo solche Gründe liegen, erkennen eigene Unzulänglichkeiten, aber auch gesellschaftliche Ströme und Entwicklungen, die den Gemeinschaften innerhalb der Gesellschaften nicht gut tun.

Da sind zum einen die gesellschaftlich-schulischen Entwicklungen in unserer Umgebung: Kinder, schon im Kindergartenalter verbringen ihre tägliche Zeit oftmals in den Einrichtungen und erleben Familie nur mehr noch nach Feierabend oder am Wochenende – wenn überhaupt: Wenn es in der Freizeit überhaupt noch möglich ist, denn in den Freizeitaktivitäten der verschiedenen Familienmitglieder ist es vielfach gar nicht mehr möglich zusammen zu sein, sei es am Esstisch, im gemeinsamen Spiel oder sonst wie. Damit fällt aber auch gemeinsames Glaubensleben aus – und Glauben kann man nur gemeinsam erfahren und erlernen, wenn´s glaubhaft sein soll: Glauben lernen Kinder nur von ihren Eltern und nahen glaub- und glaubenswürdigen Bezugspersonen. In konfessionsgebundenen Kindergärten und Schulen kann das noch irgendwie „genutzt“ werden, aber auch da ist es schon schwierig, denn auch da braucht es Erziehende, die ihren Glauben leben.                

Also fällt Glaubenserziehung und –entwicklung oftmals aus Zeitmangel aus. Da ist kein Vorwurf, es ist nur eine zu pauschale Beschreibung unserer Gesellschaft. Hier nämlich ist es für Eltern wichtig, dass eine gute Erziehungs- und Bildungsgrundlage geschaffen wird, indem sie selbst für den finanziellen Hintergrund sorgen müssen, damit ihre Kinder auf dieser Grundlage aufbauen und teilnehmen können: Beide Eltern müssen also arbeiten, um den Standard aufzubauen und zu halten, Kinder sind in den Bildungseinrichtungen untergebracht, damit sie die besten Grundlagen bekommen. Wieder kann Glaubenserziehung und –bildung nicht aus Zeitgründen stattfinden. Und wenn es am Wochenende oder sonntags Gemeinsamkeiten geben kann, dann sind das eher alle anderen Unternehmungen als Teilnahme an einem Gottesdienst. Ich will das hier nicht gegeneinander ausspielen, halte ich familiäre gemeinschaftliche Unternehmungen gerade in dieser Zeit für absolut wichtig, damit hier in der Freizeit Eltern ihre Kinder und Kiener ihre Eltern erfahren können. Wir müssen uns als Kirche überlegen, in wie weit wir in diese Freizeitverhalten hineinpassen, und ob unsere Gottesdienste eventuell anders gestaltet werden müssen im Zeitangebot, aber auch in der „Machart“ – ohne plump anbiedernd und kindisch zu werden: Schließlich haben wir eine Botschaft!

In diesem Zusammenhang kam bei einem Mitbruder der Begriff der Wertigkeit: Wenn Eltern wie Kinder, aber auch allen anderen Zeitgenossen mit all dem vermeintlich so gebunden sind, werden sie als Erstes das abwerfen, was ihnen nicht so viel wert ist – und das ist als eines der ersten: Kirche. Denn hier geht die Frage: Was bringt mir diese Einrichtung, die im Auge manches Mitglieds im Laufe der Zeit immer mehr eigenartige Auswüchse bekommen hat, die wieder zu unterstützen es eigentlich nicht mehr wert ist.

Jetzt kann man erörtern und lange darlegen, was der Glaube und auch die Kirche einem Menschen bringen kann. Dazu ist aber hier nicht der Platz. Nur ganz kurz: Sinn! Sinn für Leben und nicht bloß Zweck meines Lebens: Sinn, das heißt geliebtes Kind eines von der Welt unabhängigen Gottes zu sein, der mir damit aber die Grundlage für unabhängiges Leben gibt. Und genau das geht gegen die Verzweckung des Menschen, der nur mehr Instrument der Wirtschaft geworden ist, sei es als Konsument, sei es als Anbieter, sei es als Rädchen im Getriebe der Gesellschaft, die niemand mehr als Einzelner kontrollieren und dagegen vorgehen kann.

So sollte die Glaubensgemeinschaft der Christen in all ihren Formen und Kirchen eigentlich ein Gegenmodell zu den Gesellschaftlichen Strukturen sein, oder wenigstens die Möglichkeit, außerhalb dieser Verzweckung durch die Politik und deren Lobbys Luft holen zu können, damit ich in dieser Gesellschaft noch leben und nicht nur existieren kann.

Und genau das ist die Aufgabe unserer Kirche heute: Wir brauchen nicht noch mehr Verwaltung, die Pastoralstrategien entwickelt, wir brauchen vor Ort Menschen, die anderen das Leben lehren, wir brauchen neue Heilige! Heilige nämlich sind die Menschen, die in ihrer Zeit das für die Zeit notwendige getan haben. Und die Not dieser Zeit ist die Ausnutzung des Einzelnen seitens der Wirtschaft und der Politik zum Zweck des Geld- und Machtaneignens.

So sehe ich unsere Aufgabe hier in St. Martinus, dass nämlich wir Menschen werden, die einen Raum der frischen Luft eröffnen, wo Menschen durchatmen können, Glauben erlernen und daran Spaß und Freude entwickeln, weil sie hier erkennen, wie Leben gehen kann ohne Zwang, oder ich überleben kann in dem Zwang der Gesellschaft. Ich weiß noch nicht, wie das gehen kann, doch ich für mich verspreche, mich mit all denjenigen auf den Weg zu machen, die das so oder so ähnlich sehen.

Ich grüße Sie alle,

Ihr immer noch nachdenklicher


Norbert Derrix, Pastor

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