nachgedachtLiebe Schwestern und Brüder,

Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle. Eine Frage, die ich aber auch an anderen Stellen unserer Gemeinde, die umliegenden Pfarrer bis hin zu den Bischöflichen Stellen stelle – und ich erkenne: Keine Antworten!

Visionen – im Buch des Thomas Frings sind ein paar aufgelistet, aber umsetzbar?! Wunschdenken – Forderungen für das Priestertum der Frau, Abschaffung des Zölibats usw., diskussionswürdige Denkanstöße, die längst an der Zeit sind umgesetzt zu werden, was wir hier vor Ort nicht zu entscheiden haben.

Praktische Vorgehensweisen – Umsetzungen aus anderen Bereichen der weltumfassenden Kirche, die aber ein großes, kraftraubendes Umdenken in den Gemeinden zur Folge hätte.

Aber auch:

Einfach laufen lassen, mal sehen, was so kommt.

Das aber, liebe Schwestern und Brüder, ist absehbar und sehr vorhersehbar - hier natürlich viel zu pauschal beschrieben:

-       Wir bräuchten uns über Messzeiten keine Gedanken mehr zu machen, denn diejenigen, die jetzt Gott SEI DANK noch regelmäßig die Gottesdienste mitfeiern, sind in ein paar Jahren nicht mehr da, und „Nachwuchs“ für sie ist nicht in Aussicht.

-       Katechese für Kinder, Jugendliche und Taufbewerber, wie Brautleute könnten gut zusammengefasst und zentriert werden, da Interesse an einer religiösen Ausbildung nicht so sehr gefragt ist, wie die Feier zu bestimmten Anlässen als Familienfest.

-       Auch die Interessen der sogenannt katholischen Vereine, Verbände und Bruderschaften bräuchten nicht mehr berücksichtigt werden: Die werden ausgestorben sein, oder haben sich zu reinen traditionalistischen Festveranstalter entwickelt, die irgendwo noch Kirche im Programm verzeichnet haben

-       Relevanz von Kirche und Gottesdienst wird nicht mehr gegeben sein, denn Gottes Wirken im Alltag wird kaum mehr merklich sein, da das Angebot der Gottespur – am Sonntag erweckt und am Leben gehalten – nicht mehr angenommen wird.

-       Es wird bestimmt andere religiöse Entwicklungen geben – da vertraue ich dem Heiligen Geist absolut – neben oder gar anstatt der Kirche und der Gemeinde, welcher Couleur auch immer.

Alles viel zu pauschal, und manche könnten mir vorwerfen auch viel zu pessimistisch – vielleicht. Vielleicht aber auch realistisch, denn ich entdecke Vieles, was in dem Buch „Rebuilt: Die Geschichte einer katholischen Pfarre“ von Michael White und Tom Corcoan geschrieben ist.
Dort wird beschrieben, wie die Gemeinde „Of the Nativity“ sich entwickelt hat. Das Ganze spielt sich im Amerikanischen Raum ab, hat aber verblüffende Parallelen zu den Gemeinden hier vor Ort, hier in unseren Breitengraden.

Die Autoren des Buches – ein Pfarrer und ein Referent – unterschieden sich in ihrem Vorgehen ganz und gar nicht von denen hier bei uns – mich ein geschlossen: Sie veranstalteten Events zur Finanzierung der Gemeinde, sie gestalteten Pfarrfeste, gemeinsame Essen, Belustigungen der Kinder und: erfuhren die so betreute Gemeindemitglieder als Konsumenten: Das, was diesen Menschen angeboten wurde, haben sie konsumiert mit mehr oder weniger großer Freude. Angefangen von diesen Events bis hin zum Gottesdienst haben sie das wahr- und angenommen, konsumiert und sind mit einem Gefühl der Langeweile und Irrelevanz nach Hause gegangen: Ob sie dieses oder jenes nun mitgemacht haben oder nicht, hatte keine Auswirkungen auf und für ihr Leben und war also nur mehr eine nette (und „nett“ kann eine sehr vernichtende Beurteilung sein!) Unterhaltung, die von der Wertigkeit in einer Reihe stand mit dem, was im Fernsehen geboten wurde – dort meist aber besser. Die Autoren stellten das fest und waren dementsprechend gestimmt: Kurz vor dem Burnout rissen sie die Reißleine und fragten sich nach ihren höchsteigenen Aufgaben in der Gemeinde: Sie stellten fest, dass die Mission vor Ort, die Botschaft Jesu Christi, die Weitergabe des Glaubens nicht mehr stattfand in dem, was auch gefeiert und veranstaltet wurde. Die befreiende Botschaft des Glaubens an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist wurde zwar noch gepredigt, hatte aber keine Auswirkungen im Leben der Gottesdienstbesucher, die oft in den Gottesdiensten saßen und hofften, das alles schnell vorbei war. Ihr Leben nämlich kam nicht mehr im Gottesdienst vor. Sie wurden nicht angesprochen, sie wurden nicht aufgerufen, ihre Lebenssituation kam nicht zur Sprache und schon gar nicht in irgendeinem Zusammenhang mit Gott, von dem wir doch hoffen, dass Er jedes Leben sieht, in jedem Leben mitwirken will, jedes Menschenleben auf guten Wegen führen will. Doch gerade das sagte keiner mehr, und schon gar nicht dem Einzelnen, der sich also nicht angesprochen fühlte.

Und so machten sie sich auf den Weg, der Pfarrer und der Referent…...

Entdecken Sie, was ich entdeckt habe? Vieles von dem, was ich hier nur andeuten kann, ist bei uns ebenso, das Gravierendste aber ist: Die Botschaft Jesu Christi hat keine Auswirkung mehr auf das Leben des Einzelnen, der Familien und schon gar nicht der Gruppen unserer Gemeinde – sie kommt nicht mehr in unserem Denken und Handeln vor (wieder alles viel zu pauschal, da ich weiß, dass das Wirken Gottes oft genug noch festzustellen ist).

Angesichts von dem, was ich oben beschrieben habe, macht mir das Angst. Angst vor dem, was wir von Gott erbitten sollen: Geduld, das Ganze gut und ohne Anzuecken weiter und vielleicht zuende zu führen oder Kraft, mit Seiner Hilfe andere Wege zu beschreiten. Mit dem Ersten bin ich nicht zufrieden, bei dem Zweiten weiß ich nicht, ob ich die Kraft dazu habe.

Wer aber mit mir den Glaubensweg zuerst einmal erforschen will, dem rate ich zu dem Buch, auch wenn es nicht deckungsgleich zu unserer Situation ist. Vielleicht können wir zusammen tatsächlich andere Wege gehen als die „Sterbebegleitung“ unserer Gemeinden. Eine gewisse Begeisterung daran spüre ich, wenn ich das nun schreibe, aber auch (s.o.) eine gewisse Angst und die Frage nach der ausreichenden Kraft. Aber vielleicht ist hier ja schon Gott am Werk, der wirkt, was Er wirken will…...

Norbert Derrix, Pastor

In Kürze anstehende Termine: