nachgedachtLiebe Schwestern und Brüder,

„Aus, Amen, Ende?“

So ist der Titel eines Buches, das vor ein paar Wochen erschienen ist.

Darin beschreibt der Münsteraner Pfarrer Thomas Frings einige Geschichten, aber auch Überblicke über die Kirchenlage, die ihn bewogen haben zu resignieren.

Das nämlich hatte er im letzten Jahr getan, resigniert, das steht Kirchendeutsch für auf sein Pfarreramt verzichtet, damit er Priester bleiben kann – auch das ging wortstark durch die Medien:

Er ist gerne Priester, aber die kleinen und großen Geschichten, die er in seinem Buch beschreibt, lassen ihn zurücktreten vom Pfarramt, damit das so bleiben kann.

Er hat sich zurückgezogen in ein Kloster, oder taucht zu den verschiedensten Gelegenheiten auf, seine Sicht der Kirchen – Welt zu beschrieben.

Teile dieses Buches kann ich gut unterschreiben, denn die Erlebnisse, die er macht, sind auch meine, hier natürlich viel zu pauschal:

Zum Teil desinteressierte Eltern, die ihre Kinder zur ersten Heiligen Kommunion schicken: nun mach Du mal.

Eventsüchtige Brautleute, denen die kirchliche Show wichtig ist: Hoffentlich stört der da vorne nicht so sehr.

Sogenannt treue Kirchenbesucher, die bloß nichts geändert haben wollen, sich aber ständig darüber beschweren, wie leer die Kirche ist: Pastor kümmer Dich doch mal drum, dass da mehr kommen.

Teile diese Buches verstehe ich nicht, denn wenn man offenen Auges die letzten zwanzig/dreißig Jahre in der Kirche tätig war, konnte man schon früh erkennen, wie sehr das, was wir hier tun immer mehr zum Servicebetrieb geworden ist, dem wir uns angepasst haben, so dass es jetzt langsam aber sicher zur Perversion wird:

Kirche ist nur mehr dafür gut, Familienfeste zu gestalten,

gesellschaftliche Feierlichkeiten noch feierlicher zu machen,

in Notfällen die richtigen Worte zu suchen und eventuell auch zu finden.

Gemeindehintergrund

Theologie der Kirche

Sakramentalität der Ereignisse

gar Theologie kommen in diesem Servicebetrieb nicht vor.

Und damit das so bleibt, hat zum Beispiel das Bistum Münster verschiedenste Aktionen gestartet:

Da werde aus dem fernen Indien Priester geliehen, die zum Großteil nicht gerne nur hier sind, weil sie ihrem Bischof gegenüber das Gehorsamsgelübte erfüllen und ihm damit das nötige Kleingeld für seine Aufgaben in Indien einbringen: eine eventuelle Mission und Neuaufbruch durch solche Priester der Weltkirche ist nicht angedacht – nur Beibehaltung des Bestehenden, und sei es noch so sinnlos.

Da wird in die Verwaltung richtig viel Geld – und wir sprechen hier von Millionen – gesteckt, damit die über sechshundert Mitarbeitenden allein in Münster durch nochmals viel hunderte Mitarbeitenden aufgestockt werden vermeintlich zur Entlastung der Pfarrer vor Ort, oftmals aber ist oft das Gegenteil der Fall.

Und da wird in die Erhaltung von sozialen Einrichtungen viel auch ehrenamtliche Kraft gepumpt, wo man sich fragen muss, warum die Kirche staatliche Grundsätzlichkeiten aufrechterhalten muss, wenn doch z.B. von dem Großteil der Erziehenden in den Kindergärten kaum mehr erwartet werden kann, dass sie Religion weitergeben, weil sie selber nicht darin groß geworden sind, geschweige denn praktizieren.

Wir haben uns mit unserer reichen Deutschen Kirche auf Dinge festgelegt, die überhaupt nicht mehr unsere sind, die aber trotzdem oder gerade deswegen mit viel Kraft und Geld aufrechterhalten werden.

In einem Frankreich ohne Kirchensteuer ist die Realität längst durchgeschlagen:

Die älteste Tochter der Kirche – wie der Heiligen Johannes Paul der Zweite die französische Kirche nannte – musste längst alles abwerfen, was untragbar wurde. Kirche hat dort offensichtlich kaum mehr einen Stellenwert – und das ist bei uns genau so, hat nur noch keiner bemerken wollen, da wir – wie gesagt – das mit viel machterhaltendem Geld übertünchen können. Aber eigentlich….

Da wo´s dann immer kritischer wird, nämlich bei der Personaldecke der Priester, wird das umso deutlicher:

Fusionen bis hin, dass im Bistum Trier jetzt Pfarreien entstehen, die so groß sind, wie vorher die Dekanate waren.

Beibehaltung aller möglichen auch Verwaltungsaufgaben für die leitenden Pfarrer in immer größer werdenden Einheiten.

Aufrechterhaltung von Strukturen, die längst nicht mehr gelten, und gelten dürfen:

Es gilt der Satz:
Ubi epicopus, ibi ecclesia

– wo der Bischof ist, ist Kirche

Das will bedeuten, mit dem Leiter einer Ortskirche ist der Verbund zur Weltkirche gesichert, also sie allgemeine, sprich katholische Kirchlichkeit mit allem, was dazu gehört:

Sakramentalität der Kirche als wirksamer Leib Christi in der Welt in Wort und Tat, in Feier und Fest, in Mission und Lehre.

Das bedeutet aber nicht, dass in jedem noch so kleiner Gemeinde ein Vertreter des Bischofs sitzen muss, der das aufrechterhält, aufrechterhält, was erst in den letzten zwei Jahrhunderten entstanden ist.

Diese Sicht beinhaltet eine Zentrierung auf das Priesteramt, die schon fast klerikofaschistoid genannt werden muss:

Nur wenn ein Pfarrer vor Ort ist, kann Gemeinde sein?

Nur wenn ein Pastor sein Gesicht in sämtliche Runden hält, ist das Treffen gültig?

Nur wenn ein Geweihter Mensch betet, segnet, feierlich ist, ist das Fest gelungen?

Dieses Denken kommt natürlich dem allgemein

gesellschaftlichen Denken sehr entgegen, wo das Spezialistentum gilt in der Erziehung der Kinder, im Veranstalten von Festen und erst recht im Glauben:

Du machst, damit ich nicht mehr machen muss, obwohl ich es könnte!

Damit entziehen wir uns unserer Verantwortung, unserer Kompetenz, und nehmen uns selbst die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen: sollen doch andere machen.

ABER!

Aber dem steht entgegen, was im Zweiten Vatikanischen Konzil wiederentdeckt wurde:

Die Ausstattung des Christen mit dem Heiligen Geist, der jeden befähigt, sich in der Gemeinde einzusetzen,

die göttliche Kompetenz, die jedem in der Taufe übertragen wurde, für sich den Glauben zu entdecken, fruchtbar zu machen auch für andere,

das allgemeine Priestertum aller Glaubenden, das in der Welt, in der ich lebe meine Charismen, die Gott mir geschenkt, einzusetzen.

Das ist die Grundlage jeder Gemeinde:
Jeder hat seinen ganz persönlichen göttlichen Berufung, die er leben soll.

Jede hat ihre ganz eigene geistbewirkte Aufgabe, die sie umsetzen darf:

Glaubenserziehung im Beten und Lesen der Schrift zuhause,

caritativer Einsatz für die Menschen in meiner Umgebung,

auch verwaltungstechnisches Engagement in den verschiedensten Bereichen der Gemeinde,

und als Quelle und Ziel alles Tuns: feierndes Gedächtnis und Rückbildung an Christus im Gottesdienst.

Jeder und jede mit seinen Charismen, mit ihren Gnadegaben:

In dieser langen Reihe der Möglichkeiten Glaube und Gemeinde zu leben steht eine davon die des Priesters neben den anderen, nicht darüber oder darunter.

Das Weiheamt ist eine Spezifizierung des allgemeinen Priestertums aller Glaubenden in der Gemeinde, wie das Charisma der Erziehers, der Küsterin, des Messdieners, des Pfadfinders, des Bruderschaftsmitglieds, des Musikers, des…... JA FÜHLEN Sie SICH RUHIG ANGESPROCHEN,

denn auch Sie gehören dazu.

Und wenn nun kein Priester vor Ort sein kann,

wenn nun eines von den vielen Charismen nicht da ist,

wenn sich keiner berufen fühlt, eine Aufgabe zu übernehmen,

muss dann die ganze Gemeinde zusammenbrechen?

wird dann Kirche vor Ort sterben?

Ich glaube nicht, denn es gibt sie, die Charismen bei uns und in unseren Gemeinden,

Charismen, die das auffangen und trotzdem jemand fehlt, weiterträgt,

Berufungen, die mehr können, als sie jetzt zeigen, und unsere Gemeinde aufrechterhalten kann,

Engagierte Menschen, die aus dem Notwendigen heraus das Richtige und Gute tun.

Aber wenn diese Menschen nicht auftauchen, wenn sie nicht aus den Socken kommen, wenn die Berufung ausgeschlagen wird,

dann?

Ja, dann stirbt eine Gemeinde,

dann verschwindet sie dorthin, wo sie hingehört, in das Nichtssagende,

dann versickert Berufung ins bodenlose:

Das lebendige Wasser aber aus der Geschichte, die wir gerade gehört haben, wird sich eine neue Quelle suchen,

dann wird aus dem Toten irgendwo und irgendwie Auferstehung entstehen,

dann wird sich die Tür zu anderen Räumen öffnen.

Gemeinde, wie wir sie kennen, ist vorbei:

Was wir jetzt tun können, aus den Ressourcen neuen Quellen schlagen.

Das Konstrukt Hirte und Schafe in einer Gemeinde vor Ort ist vorüber:

Jetzt heißt es den wahren Hirten in den Charismen zu entdecken und zu fördern.

Die Idylle der Pfarrfamilie aus den sechziger Jahren ist geplatzt:

Jetzt will der Geist Gottes in der Tür Jesus Christus Neues formieren und formatieren, das lebendig und lebenstüchtig ist.

Wir müssen also nicht resignieren an dem, was sich in unserer Kirche bietet,

wir dürfen uns aber auch nicht täuschen mit dem, was wir an Äußerem noch vor uns hertragen,

wir können jetzt noch aktiv in dem mitwirken, was jetzt noch in unserer Kirche da ist:

in zehn Jahren geht das nicht mehr.

Wenn wir´s jetzt nicht tun, heißt es dann:

„Aus, Amen, Ende!“